Sunday, May 16, 2010

Griechische Tragödie: Ein Volk in der Kritik

Paris Kokkaliaroglou, Student in Wien




"Faul, korrupt, verlogen", die Menschen eines Landes werden seit Wochen zu Europas Feindbild gemacht. Wie sie damit umgehen, und was sie bewegt.

Die Venus von Milo mit erhobenem Mittelfinger, dazu der Titel "Betrüger in der Euro-Familie". Das war dann doch zu viel. Das Titelbild des deutschen Magazins Focus hat sogar zu diplomatischen Verwicklungen zwischen Griechenland und Deutschland geführt. "Griechen-Chaos", "Pleite-Griechen", "Österreich schenkt Griechen zwei Milliarden", dazu ein Grieche, der uns die Zunge zeigt - das waren die wenig freundlichen Schlagzeilen in Österreich.

Die Griechen sind zurzeit nicht gut angeschrieben. Sie haben Budgetzahlen gefälscht, die gemeinsame Währung aufs Spiel gesetzt, die ohnedies strapazierten Staatsbudgets über Gebühr belastet. Kurzum: Die Griechen sind die Buhmänner der Nation, als "faul, korrupt und verlogen" verschrien.

Dabei gibt's die Griechen genau so wenig, wie es die Österreicher gibt. Knapp 5000 Griechen leben in Österreich, 3000 davon mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Sie sind nicht als Gastarbeiter gekommen, sondern als Studenten oder Geschäftsleute. Oder als "der Grieche" nebenan: 80 griechische Restaurants gibt es in Österreich, 40 davon in Wien. Auch im Urlaub kommt man sich näher: Über eine halbe Million Österreicher hat 2009 in Griechenland die Beine in den Sand gesteckt.

Griechische Tragödie: Ein Volk in der Kritik
HauptartikelPorträtAnalyse"Faul, korrupt, verlogen", die Menschen eines Landes werden seit Wochen zu Europas Feindbild gemacht. Wie sie damit umgehen, und was sie bewegt.
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Die Venus von Milo mit erhobenem Mittelfinger, dazu der Titel "Betrüger in der Euro-Familie". Das war dann doch zu viel. Das Titelbild des deutschen Magazins Focus hat sogar zu diplomatischen Verwicklungen zwischen Griechenland und Deutschland geführt. "Griechen-Chaos", "Pleite-Griechen", "Österreich schenkt Griechen zwei Milliarden", dazu ein Grieche, der uns die Zunge zeigt - das waren die wenig freundlichen Schlagzeilen in Österreich.

Die Griechen sind zurzeit nicht gut angeschrieben. Sie haben Budgetzahlen gefälscht, die gemeinsame Währung aufs Spiel gesetzt, die ohnedies strapazierten Staatsbudgets über Gebühr belastet. Kurzum: Die Griechen sind die Buhmänner der Nation, als "faul, korrupt und verlogen" verschrien.

Dabei gibt's die Griechen genau so wenig, wie es die Österreicher gibt. Knapp 5000 Griechen leben in Österreich, 3000 davon mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Sie sind nicht als Gastarbeiter gekommen, sondern als Studenten oder Geschäftsleute. Oder als "der Grieche" nebenan: 80 griechische Restaurants gibt es in Österreich, 40 davon in Wien. Auch im Urlaub kommt man sich näher: Über eine halbe Million Österreicher hat 2009 in Griechenland die Beine in den Sand gesteckt.

» Porträt: In Österreich lebende Griechen erzählen
Stornos
Doch angesichts der Streiks und Proteste kommt es zu Stornierungen. Nach Angaben des griechischen Hotelier-Verbands wurden in den vergangenen Tagen allein im Großraum Athen fast 20.000 Hotelreservierungen rückgängig gemacht. Dem gegenüber steht, dass Last-Minute-Anbieter ihre Preise massiv senken.

13,6 Prozent betrug das griechische Defizit 2009, bis 2014 soll es mit einem Belastungspaket im Ausmaß von 30 Milliarden Euro auf 2,4 Prozent gedrückt werden: Die Gehälter im öffentlichen Dienst werden für vier Jahre eingefroren, das 13. und 14. Monatsgehalt wird mit 1000 Euro gedeckelt oder gleich gestrichen, das Pensionsalter wird angehoben, die Mehrwertsteuer erhöht.


In Österreich lebende Griechen erzählen

Sie sind als Studenten und Geschäftsleute zu uns gekommen und als Teil von uns geblieben. 5000 Griechen leben hier, ihr Image hat gelitten.

Seit ich 17 bin, wollte ich in Wien studieren," sagt Paris Kokkaliaroglou. Wir treffen den 22-Jährigen vor dem Parlament, und er gibt kundig Auskunft über die steinernen Zeugen der griechischen Antike, die dort die Rampe säumen. "Es braucht die Rückbesinnung auf die Werte der antiken Vorbilder," sagt er, "um aus dieser Misere rauszukommen."
Die Misere ist zum Glück nicht seine. Seine Eltern, die beide in Graz studiert haben, unterstützen ihn beim Studium der Betriebswirtschaftslehre. Zügig studieren heißt es halt. Die Mutter Architektin, der Vater Krankenhausmanager spüren auch die schlechte Wirtschaftslage.

"Es sind schlechte Sitten, die eingerissen sind, die Griechenland ins Dilemma gebracht haben," erklärt Kokkaliaroglou und nennt als Beispiel den berüchtigten Fakelaki, den Umschlag mit Geld, der unter dem Tisch überreicht wird, um an Leistungen zu kommen, die es sonst nicht gäbe. "Das sind Relikte aus einer vergangenen Zeit. Die heutige Generation denkt nicht mehr in solchen Kategorien - die ist in Europa angekommen."
Von seinem Land ist er enttäuscht, nach allem, was passiert ist. Aber er ist trotzdem stolz auf seine griechische Herkunft. Auch von der EU zeigt er sich enttäuscht, "weil sie es nicht geschafft hat, Instrumentarien zu entwickeln, die so etwas verhindern hätten können".
Jetzt ist er natürlich laufend mit Fragen konfrontiert: "Was ist da nur los bei euch?" Oder mit matten Witzen: "Was haben ein Truthahn und Griechenland gemeinsam? Es ist ungewiss, ob sie bis Weihnachten überleben." Die Griechen sind jedenfalls im Schockzustand, erzählt er, und sie werden noch viel zu leiden haben, zumindest einmal die nächsten vier Jahre.
So etwas wie das Focus-Titelbild mit dem Stinkefinger sollte nicht passieren: "Die Menschen werden ja gegeneinander aufgehetzt, und die Stimmung wird noch schlechter. Das ist kontraproduktiv und hilft niemandem."

"Hatte nie das Gefühl, ein Gastarbeiter zu sein"
Nikos Papamikes, Reisebüro-InhaberEigentlich sollte Nikos Papamikes im Moment ja in Athen sein, um eine Erbschaft zu regeln. Stattdessen sitzt er in seinem Büro in Wien und sieht die griechische Hauptstadt nur im Fernsehen. "Auf Grund der Proteste und Streiks habe ich die Reise abgesagt."
Der 55-jährige, gebürtige Athener betreibt das Reisebüro Insider 4 Travel, das Griechen nach Österreich und Österreicher nach Griechenland vermittelt. "Heuer werden wir leiden", sagt er, "denn wir sind von beiden Seiten betroffen." Die Griechen hätten durch die Krise weniger Geld, und die Österreicher wären durch die täglichen TV-Berichte verunsichert. "Wir haben viele besorgte Anrufer und ein Minus von zehn Prozent im Vergleich zum Vorjahr."

1985 wanderte Papamikes nach Österreich aus, um nicht "Teil des Systems zu werden", wie er sagt. Ein System, in dem die Menschen Steuern hinterziehen; ein System, in dem die Menschen den Staat bestehlen, weil "der ihnen nichts gibt". "Sie haben jahrelang auf Kosten des Staates gelebt und sich keine Gedanken darüber gemacht, wie der Staat überleben kann. Das war leichtsinnig." Und ein System, in dem man ohne "Extra-Zahlungen" gar nichts erreicht. Als sich Papamikes' Schwester vor zwei Jahren das Bein brach, musste er eigens eine Pflegerin anheuern, die sich im Spital um sie kümmerte.
In Österreich fühlte sich der Unternehmer, der seit 25 Jahren mit einer Wienerin verheiratet ist und zwei Töchter hat, gleich wohl. "Ich liebe das Grüne, die Natur, die Ordnung." Auch die Mentalität - das Gemütliche - erinnert ihn an seine Heimat. "Ich habe sofort gemerkt, dass die Griechen hier beliebt sind. Ich hatte nie das Gefühl, ein Gastarbeiter zu sein. Das war gut für den Stolz."
Umso mehr schmerzt ihn das Bild, das derzeit in vielen Medien gezeichnet wird - die Griechen sind Gauner . "Es tut sehr weh, wenn man zwölf Millionen Menschen in einen Topf wirft."



"Wir sind ein tüchtiges Volk"
Fanny Grammatikou, "Vollblutgriechin" in WienVollblutgriechin", das ist Fanny Grammatikou nach Eigendefinition. Dabei ist sie in Deutschland geboren, mit acht Jahren mit den Eltern nach Griechenland und mit 18 nach Leibnitz in die Südsteiermark gezogen - also eigentlich mehr eine echte Europäerin.
"Die Sparmaßnahmen werden die Griechen hart treffen, aber das Leben geht weiter. Ich glaube, Griechenland hat man zu sehr in den Mittelpunkt der Berichterstattung gestellt," sagt die 44-jährige Angestellte, "und es wurde ein sehr, sehr negatives Bild verbreitet. Dabei sind wir ein tüchtiges Volk; es gibt kaum jemanden, der nicht zwei, drei Jobs macht, um über die Runden zu kommen. "
Schwarze Schafe "Jetzt glaubt Europa, alle Griechen gehen in Frühpension, das stimmt aber nicht. Es gibt auch bei uns Menschen, die hart arbeiten und Menschen, die weniger arbeiten. Es wird halt ein Teilbild herausgenommen, dabei gibt es überall schwarze Schafe. Nehmen wir die vielen Frühpensionen der ÖBBler - das würde ja auch niemand auf alle Österreicher umlegen."
Die Titelseiten der Boulevardblätter hält Grammatikou nicht für repräsentativ, ganz im Gegenteil: "Das Bild von den Griechen ist ja eigentlich sehr positiv, das hat ja vor allem mit den Urlaubsreisen der Österreicher zu tun."
Unterstützung kommt in dieser Frage von deutscher Seite: Laut einer Umfrage des Magazins Stern von Anfang Mai finden weiterhin drei von vier Deutschen die Griechen "sehr sympathisch" oder "sympathisch".

"Sorgen machen oder Scherze"
Lefteris Dermitzakis in seinem Restaurant in der Wiener CityNein, Säulen, Netze und Amphoren findet man in seinem Lokal nicht. Auch keine Fotos vom Sonnenuntergang über Santorin. Lefteris Dermitzakis, 51, ist Besitzer des modern gestylten Restaurants Orpheus in der Wiener City und damit Chef über 300 Quadratmeter und 16 Mitarbeiter. Das Geschäft gehe derzeit gut, besser sogar als normalerweise, versichert er. "Alle kommen und fragen mich: ,Was ist los bei euch in Griechenland?' Die einen machen sich Sorgen, die anderen machen Scherze."
Dermitzakis sorgt sich - und er ärgert sich. "Es tut mir weh, wenn man meinem Land den gestreckten Mittelfinger zeigt", sagt er. "Aber vielleicht ist das eine Chance für Griechenland, dass auf Grund des Drucks der EU endlich alles besser wird. So kann es jedenfalls nicht weitergehen."
Vor 26 Jahren kam er nach Wien, um Deutsch zu lernen - und mit dem Plan, Österreich nach drei Monaten wieder in Richtung Kreta zu verlassen. Doch er blieb der Liebe wegen; er jobbte als Kellner, machte Deutsch-Kurse und wurde schließlich Geschäftsführer vom Orpheus, das er dann 1997 kaufte.

An die ersten fünf Jahre in Österreich erinnert er sich nicht so gerne. "Ich habe gelitten, ich wollte immer nach Hause. Das Wetter war schlecht, ständig hat es geregnet, und das ganze Leben war so durchgeplant."
Daran hat er mittlerweile Gefallen gefunden. "In Griechenland herrscht Chaos. Ein Bankbesuch ist ein Tagesprogramm. Und bis der Installateur kommt, dauert es Tage. In Österreich hingegen funktioniert alles." Nicht das einzige, das ihm hier taugt. "Ich liebe das Burgenland." Nachsatz: "Wegen der Weine." Seit einiger Zeit sucht der zweifache Vater einen Bauernhof mit Ziegen und Schafen, auf den er sich in der Pension immer mehr zurückziehen möchte.

Artikel vom 15.05.2010 17:15 KURIER